Sexualitäten in der Geschichte. Ein interdisziplinärer Arbeitskreis stellt sich vor
Sexualität scheint der intimsten Sphäre der Persönlichkeit anzugehören und so eine zutiefst individuelle und subjektive Dimension des Selbst zu sein. Zugleich weisen Forscher*innen aus den Geschichts-, Geistes- und Sozialwissenschaften, wie auch Psychoanalytiker*innen und Aktivist*innen aus diversen Bewegungen darauf hin, dass Sexualitäten eng mit Machtverhältnissen verbunden und an Herrschaftsstrukturen gekoppelt sind. Die gesellschaftliche Verfasstheit des Sexuellen tritt besonders deutlich hervor, wenn in die Vergangenheit geblickt wird: Die Geschichte beeindruckt durch die schier unübersichtliche Vielfalt sexueller Entwürfe, der Arten und Weisen, wie Sexualitäten von verschiedenen sozialen Akteur*innen in unterschiedlichen soziohistorischen Konstellationen gelebt, praktiziert, erlebt, verstanden und theoretisiert wurden und werden. Allerdings haben Theoretiker*innen der Sexualität ebenfalls betont, dass sexuelle Entwürfe der Vergangenheit wie der Gegenwart keineswegs direkt aus ihrer jeweiligen soziohistorischen Konstellation abgeleitet werden können. In diesem Sinne lassen sich Fragen nach Grenzen, Affinitäten und Kontinuitäten des Sexuellen in der Geschichte als Kontrapunkt zu der unendlichen Vielfalt sexueller Entwürfe begreifen – sowohl was deren Ausdrucksformen betrifft, als auch die Arten und Weisen, in denen Gesellschaften diese Formen identifiziert, reguliert, verfolgt und untersucht haben.
Die wissenschaftliche Erforschung historischer Dimensionen von Sexualitäten wurde in den letzten Jahrzehnten erheblich ausgeweitet. Lag in Deutschland der Fokus lange auf der Geschichte seit dem Kaiserreich bis in die Nachkriegszeit, thematisch auf der Geschichte von Repressionen und Biopolitiken – insbesondere die Sexualpolitik im Nationalsozialismus ist in den letzten Jahren immer wieder Gegenstand historischer Studien geworden – rücken jüngere Projekte auch die Bundesrepublik sowie vereinzelt die DDR in den Mittelpunkt. Dabei wächst auf der einen Seite die Kritik an der (Selbst-)Stilisierung der sogenannten 1968er, mit ihrer »sexuellen Revolution« eine grundlegende Liberalisierung der sexuellen Verhältnisse bewirkt zu haben. Auf der anderen Seite wird eben dieses kritisierte Revolutionsparadigma neu, differenzierter, oder anders formuliert. Intensiver untersucht wird seit der Jahrtausendwende auch die Geschichte der deutschen Sexualwissenschaft als Fachdisziplin selbst. Trotz der vielfältigen Publikationen in diesem Themenfeld scheinen die bislang vorliegenden Fallstudien kaum miteinander verknüpft zu sein. Auch wurde die Bedeutung interdisziplinärer Forschung zur Sexualität in Geschichte und Gegenwart ebenso peripher thematisiert wie grundsätzliche theoretische Fragestellungen und Begriffsdebatten kaum Beachtung finden. Zu fragen wäre etwa, was genau unter einer Geschichte der Sexualitäten zu verstehen ist, in welche gesellschaftlichen und begrifflichen Konstellationen die jeweiligen Projekte der Geschichtsschreibung eingebunden sind, und wo dem Forschungsgegenstand Grenzen inhärent sind. Daran anknüpfend werden auch forschungspraktische und forschungsethische Aspekte bislang nur randständig thematisiert, obwohl gerade in diesem Forschungsfeld spezifische Herausforderungen und mögliche Hindernisse auftreten können. Debattieren möchten wir auch über Zeiträume – ab wann können wir von einer Geschichte der Sexualitäten sprechen? Und auf welchen theoretischen Fundamenten sollte dieses Forschungsfeld stehen?
Diese Fragen voranzutreiben hat sich der 2019 gegründete Arbeitskreis Sexualitäten in der Geschichte zur Aufgabe gemacht. Initiiert durch die Verfasser*innen dieses Textes fand am 17. bis 18. Mai 2019 an der Freien Universität Berlin die Gründungstagung mit 65 Teilnehmenden statt. Veranstaltet wurde sie zudem in Kooperation mit dem DFG-Projekt „Die Homosexuellenbewegung und die Rechtsordnung in der Bundesrepublik“ des Arbeitsbereichs Didaktik der Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin und der Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die erste Tagung sollte zunächst einer Bestandsaufnahme des bisher Geleisteten dienen. 15 Forscher*innen, die sich im deutschsprachigen Raum oder in einem damit eng verbundenen Forschungszusammenhang historisch mit Sexualitäten in Geschichte beschäftigen, wurde die Gelegenheit zur Vorstellung ihrer Projekte gegeben. Den Keynote-Vortrag hielt Franz X. Eder, der die Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien innehat, zur Geschichte und Historiografie der Sexualität/en heute, die Moderation übernahm Martin Lücke (FU Berlin). Im Sommer 2019 folgte dann ein Workshop, auf dem Werkstattberichte und Forschungsprojekte, die innerhalb des Arbeitskreises entstehen, ausführlich diskutiert werden konnten.
Die Zweite Jahrestagung fand während der Covid-Pandemie digital an der Johannes Gutenberg-Universität unter dem Titel Theorize this! statt und nahm methodologische und theoretische Fragen in den Fokus. Organisiert wurde diese von Sebastian Bischoff (Universität Paderborn), Maria Bormuth (Berlin), Julia König (Johannes Gutenberg-Universität Mainz), Dagmar Lieske (Goethe-Universität Frankfurt am Main), Anna Schiff (Ruhr-Universität Bochum), Jelena Tomović (Universität Potsdam) in Kooperation mit dem an der Kunsthochschule Mainz angesiedelten Arbeitskollektiv TOYTOYTOY und dem HERA-JRP-Projekt: Disentangling European HIV/AIDS Policies: Activism, Citizenship and Health. Die Keynote wird Christine Kirchhoff halten; Professorin für Theoretische Psychoanalyse an der International Psychoanalytic University Berlin. Auf der Gründungstagung war wiederholt gerade die Notwendigkeit einer intensiveren Auseinandersetzung mit theoretischen und methodologischen Fragen in Forschungen zu (historischen) Sexualtäten betont worden. Daran knüpfte die zweite Jahrestagung an. Allgemein im Zentrum standen dabei Fragen danach, welche Praktiken, Beziehungen, Symbolisierungen, Institutionen oder sozialen Verhältnisse aus welcher Perspektive und in welchen soziohistorischen Kontexten als „sexuell“ verstanden oder unter dem Begriff der „Sexualität“ subsumiert wurden und werden? Welche Interessen, welche Herrschaftsverhältnisse oder Machtkonstellationen haben sich niedergeschlagen in diesem auf eine spezifische Weise gefassten „Sexuellen“, und inwiefern können diese in den Quellen kondensierten Konstellationen etwas zum Verständnis von Sexualität beitragen? Weiter, wie lässt sich „Sexualität“ vor diesem Hintergrund als geistes-, kultur- oder sozialwissenschaftlicher Forschungsgegenstand begreifen? Und wie lässt sich diese historisch untersuchen? Auch inhaltlich stellt die historische Forschung zur Sexualität Forscher/innen vor besondere Herausforderungen, sowohl was die Quellenlage, den (mangelnden) Forschungsstand als auch das Forschungssubjekt selbst betrifft. Sind etwa bei der Quellenstudie besondere Reflexionsprozesse erforderlich, oder ist diese Notwendigkeit kaum größer als in anderen Bereichen der (historischen) Forschung? Wie können Forscher/innen hier mit eigenen Grenzen umgehen, welche Besonderheiten der Subjektivität im Forschungsprozess müssen diskutiert werden?
Für all diese Fragen will der Arbeitskreis Sexualitäten in der Geschichte den Rahmen bieten, vorrangig auf seinen Jahrestagungen, 2026 findet die siebte statt. Der inter- und transdisziplinäre Kreis zielt darauf ab, auch regionale und nationale Grenzen zu überschreiten und Studien zu Sexualitäten aus allen Teilen der Welt in englischer und deutscher Sprache zu versammeln. Die Mitglieder kommen aus den Bereichen der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, aus der Literatur und der Kunst; gemeinsam ist ihnen das Interesse, historischen Fragestellungen nachzuspüren.
Der Arbeitskreis freut sich über neue Interessent*innen. Es besteht die Möglichkeit in einen internen E-Mail-Verteiler aufgenommen zu werden – hierfür Mail an sebastian.bischoff[at]bielefeld.de