Institut für Erziehungswissenschaft

Aktuelles Forschungsprojekt

Zu Möglichkeiten und Grenzen von Reflexion – Rekonstruktion von Nachgesprächen im Referendariat

Projektleitung: PD. Dr. Thomas Geier (BUW) & Dr. Christiane Ruberg (TU Dortmund)

Projektbeschreibung:

Das Projekt fragt empirisch nach Möglichkeiten und Grenzen pädagogischer Reflexion in der zweiten Phase der Lehrer:innenbildung. Angehende Lehrkräfte sind dazu angehalten, sich zur eigenen Praxis in Beziehung zu setzen, um ihre Unterrichtspraxis abwägen, begründen, beurteilen sowie hinsichtlich Planung und Durchführung diskutieren zu können. Die dazu notwendige theoriegeleitete Reflexion soll beispielsweise in Nachgesprächen eingeübt und praktiziert werden, die im Anschluss an Unterrichtsbesuche im Referendariat zwischen den Seminarausbilder*innen, Lehrkräften und Lehramtsanwärter:innen stattfinden.

Die wenigen empirischen Studien, die sich auf die Praxis der Nachbesprechungen beziehen (Bührig-Hollmann 2022; Küper 2022; Pereira Kastens et al. 2020) weisen auf einen Zwiespalt zwischen Beratung einerseits und Bewertung andererseits hin (vgl. Wernet 2006, 2009; Dzengel 2016; Lenhard 2004), zu dem sich die am Gespräch Beteiligten verhalten müssen. Wie sich angesichts dessen die Nachbesprechungen im Referendariat interaktiv ausgestalten, welche Varianz sich in der Handlungsgestaltung abzeichnet und welche Möglichkeiten und Grenzen für Reflexion und Reflexivität sich daraus ergeben, ist aus Sicht empirischer Forschung bislang ebenfalls nur wenig beleuchtet worden (Küper 2022, Peitz 2021; Schäfers 2017). Hier gilt es eine Forschungslücke zu schließen.

Ebenfalls verfolgt das Projekt das Erkenntnisinteresse, die rekonstruierten empirischen Begriffe von Reflexion kritisch zu diskutieren. Ausgangspunkt dazu bilden Fragen nach Stellenwert und Praxis einer allgemein reflektierenden Urteilskraft angehender Lehrkräfte (vgl. Gräf et al. 2024) als Bedingung der Möglichkeit ihrer kritisch-pädagogischen Auseinandersetzung mit schulischem Unterricht. Anlass dazu geben erste Projektergebnisse (Geier & Ruberg. 2026 a, b). Diese deuten darauf hin, dass es in der Reflexion der Nachbesprechungen vor allem um Prozesse selbstoptimierender Anpassung seitens der Lehramtsanwärter:innen geht und weniger darum, ein fachlich begründetes kritisches Urteil in Bezug auf das eigene Unterrichten und dessen institutionelle Rahmenbedingungen zu fällen. 

Das Projekt basiert auf verbalen Daten, die aus Transkripten von Audioaufnahmen der Nachgespräche resultieren. Im Anschluss an die Gespräche finden teils offene teils durch Leitfaden gestützte Interviews jeweilig mit den LAAs und den Seminarausbildenden statt. Während sich in den Interaktionsprotokollen die Prozesslogik der Nachgespräche selbst niederschlägt, bilden sich in den Interviews die jeweiligen subjektiven Sichtweisen der Beteiligten auf die Gespräche ab. Über die Rekonstruktion des objektiven Interaktionsverlaufs hinaus liefern die im Interview erhobenen jeweiligen subjektiven Sichtweisen der Beteiligten Einblicke in deren pädagogische Wissensbestände, berufliche Orientierungen und Auffassungen der eigenen pädagogischen Tätigkeit. Ziel ist es bezüglich der Interaktionen strukturelle Muster und Typen herauszuarbeiten und aus den Interviews diskursive Wissensbestände zu ermitteln.

Projektlaufzeit: 01/2024 – 06/2025 (Vorstudie, abgeschlossen); Antragstellung für Hauptprojekt in Vorbereitung

 

Projektpublikationen

  • Geier, T., & Ruberg, C. (2026 a). Allgemeine Didaktik, eine Leerstelle reflexiver Professionalisierung im Referendariat? – Zu Reflexion, Urteilsbildung und Mündigkeit in Unterrichtsnachbesprechungen. In Journal für Allgemeine Didaktik (14), 2026, S. 122-141.
  • Geier, T., & Ruberg, C. (2026 b). Arbeitsbündnis, Anpassungsritual, pädagogische Beziehung? – Reflexionspraktiken in Unterrichtsnachbesprechungen des Referendariats. In H. Bennewitz, N. Fischer, A. Grabosch, & J. Valentin (Hrsg.), Pädagogische Beziehungen: Sammelband zur Jahrestagung der Kommission für Professionsforschung und Lehrer:innenbildung, S. 9-19.
  • Geier, T., Mathias, M., Ruberg, C. (2026 c, i.E.). Praktiken der Reflexion: Rekonstruktionen von Unterrichtsnachbesprechungen im Referendariat. In S. Klomfaß, & S. Gordt (Hrsg.), Das Personal der Lehrer:innenbildung. Professionswissenschaftliche Perspektiven und Befunde (Studien zur Professionsforschung und Lehrer:innenbildung). Klinkhardt.
  • Geier, T., Mathias, M., Peitz, M., & Ruberg, C. (2025). Profession in Transformation? Die Bedeutung von Reflexion und Partizipation für die Lehrer:innenbildung. Theoretische und empirische Perspektiven. In S.-I. Beutel, M. Busch, & C. Ruberg (Hrsg.), Krisenmodus verlassen – Transformationen gestalten. Wochenschau Verlag, S. 193–209.

Bisherige Forschungsprojekte

2016 – 2020

DFG-Projekt: Die Pädagogik der ‚Gülen-Bewegung‘ – Rekonstruktion von Bildungspraktiken und Biographien in türkisch-muslimischen Gesprächskreisen. GE 2750/2-1

 

2017

Fellowship: Zum Thema „Positionierungen“ im LOEWE-Forschungsschwerpunkt: Religiöse Positionierungen: Modalitäten und Konstellationen in jüdischen, christlichen und islamischen Kontexten. Goethe-Universität Frankfurt a.M.

 

2015 – 2016 

Lehrforschungsprojekt: Unterscheidungswissen und Unterscheidungspraktiken in pädagogischen Kontexten angesichts von Flucht und Migration. PH Karlsruhe

 

2013 – 2014

Vorstudie, Eigenfinanzierung: Die Pädagogik der ‚Gülen-Bewegung‘ – Zur bildungspolitischen Initiative und immanenten Pädagogik des Bildungsnetzwerkes um den türkisch-islamischen Prediger Fethullah Gülen

 

2013 – 2015

Kooperationsprojekt: Philosophiedidaktik und Mehrsprachigkeitskonzepte in der Hochschule – qualitativ-rekonstruktive Evaluation. Mit ProDaz der Universität Duisburg- Essen.